„Schwarz tragen?“ Trauern zwischen Selbst- und Fremdbestimmung

Früher war der Tod im Leben der Menschen präsenter als heute. Das Risiko plötzlichen Sterbens war größer und die meisten Menschen starben zu Hause und wurden dort aufgebahrt. Trauern war deshalb eine viel stärker eine öffentliche Angelegenheit als heute. Ein Zeichen dafür war die Trauerkleidung, die bis zu einem Jahr getragen wurde. Nach Ablauf dieses „Trauerjahres“ legte man diese Kleidung ab, trug wieder Alltagskleidung und besuchte wieder Feste. Außerdem war es erlaubt, sich nach seinem Ablauf wieder neu zu binden.

Heute findet man kaum noch Trauerbekleidung außer auf einer Beerdigung – und selbst dort wünschen viele Angehörige den Verzicht auf Trauerbekleidung. Die Emanzipation von der Sitte der öffentlichen Trauerbekundung gilt als ein Weg von der Fremd- zur Selbstbestimmung. Der moderne Mensch entscheidet selbst, ob er Trauerkleidung tragen will.

Tut er das wirklich? So wie früher (fast) alle Trauerkleidung trugen, so trägt sie heute (fast) niemand mehr. War früher jemand Außenseiter, der keine Trauerkleidung trug, ist es heute der, der Trauerkleidung trägt. Hier kommen Zweifel auf, ob er Verzicht auf Trauerkleidung wirklich ein Akt der Selbstbestimmung ist – oder ob hier nicht genauso Erwartungen bedient werden, nur mit anderen Inhalten.

Zudem hatte die Trauerkleidung eine Schutzfunktion. Man benahm sich anders in Gegenwart eines trauernden Menschen, man nahm Rücksicht auf ihn. Ohne Trauerkleidung fällt dieser Schutz weg, zumindest außerhalb des engen Familien- und Freundeskreises. „Falsche Rücksichtnahme“ kann durch „echte Rücksichtslosigkeit“ ersetzt werden. Das muss das Zusammenleben nicht angenehmer machen.

Hier sollte die Beantwortung folgender Fragen erarbeitet werden:

  • In welcher Form nützen oder schaden konventionelle „Sitten“ den trauernden Menschen?
  • Wieweit ist unser Trauerverhalten bzw. unsere Trauerkleidung wirklich das Ergebnis freier Willensentscheidung oder orientieren wir uns wie früher an gesellschaftlichen Erwartungen mit anderen Inhalten?
  • Welchen Schutz kann das öffentliche Bekenntnis zur Trauer bieten?

Ziel ist es:

  • Anhand der eigenen Erfahrung zu reflektieren, welche Bedeutung Kleidung im Allgemeinen und Trauerkleidung im Speziellen für die eigene Selbstdarstellung hat.
  • Zu reflektieren, welche Rolle die öffentliche Meinung beim „Trauer-Zeigen“ hat.
  • Zu reflektieren, inwieweit Trauer zu zeigen oder Trauer gezeigt bekommen als „Zumutung“, d.h. als Grenzverletzung wahrgenommen wird.
  • Sich am Ende nach Abwägung vieler Faktoren sich über seine Einstellung im Klaren zu sein und eine eigene Meinung offensiv vertreten zu können.
 

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